
... zum Staunen, zum Nachmachen und zum Weitererzählen!
Jeden Monat findet ihr hier eine Geschichte über spannende Pflanzen: Welche braucht man, um ein Feuer zu entzünden? Wie wird aus einer alten Fichte ein Piratenschiff? Welche Wildkräuter machen stark ... und welche Bauchweh?
Dank der Stiftung Umwelt & Entwicklung NRW gibt‘s diese Geschichtensammlung später auch in einem Buch ... mit wunderbaren Fotos von Anne Starke. Mehr dazu auf Instagram @aushecken und @annestarke.fotografie...
Teil 7 unserer Geschichten aus dem Bunten Land
Wer ist saftig wie eine Stachelbeere - aber piekst nicht so? Wer ist fruchtig-herb wie eine Johannesbeere - aber viel, viel größer? Auf welche Beeren lohnt sich im Juli die Jagd besonders?

Jostabeere
Der Sommer nähert sich seinem Höhepunkt und der Garten ähnelt inzwischen einem Dschungel.
„Kommt, wir suchen Bären!“, schlägt Mio vor.
„Du immer mit deinen Bären“, murrt Paul. „Welche sollen es denn heute sein? Schwarzbären, Braunbären. Grizzlybären?“
„Josta-Beeren!“, erklärt Mio geheimnisvoll.
„Jo-was?“, fragt Paul mit großen Augen.
Lachend führt Mio ihn quer durchs Gestrüpp und zeigt ihm schließlich etwas, das Paul nie zuvor gesehen hat. Es ist rund und klein wie ein Legokopf, dunkelrot und trägt einen interessanten schwarzen Hut.
„Jo-sta!“ wiederholt Mio langsam, dann steckt er sich schnell eine der kleinen Beeren in den Mund und schwupps - ist sie weg.

“Also, ich kenne Johannisbeeren“, sagt Paul. „Und Stachelbeeren. Aber Jostabeere? Noch nie gehört!“
Mio grinst. „Na, das ist eine Mischung aus den beiden. Nicht so stachelig wie die Stachelbeere. Und nicht so sauer wie eine Johannisbeere. Man nennt sie auch Jochelbeere. Oder Jocheline“.
„Klingt fantastisch. Mal gucken, wie sie schmeckt!“ Paul schnappt sich eine und kaut vorsichtig darauf herum.
Interessiert fragt Mio: „Und?“
Paul zuckt die Achseln. „Mmh“
„Ist das ein Mhm-Lecker? Oder ein Mhm-weiß-nicht?“, fragt Mio zurück.
„Mhm“, macht Paul nochmal.
„Also mir sind die ein bisschen zu sauer“, schaltet Tobi sich ein.
„Und mir ein bisschen zu süß!“, ,lacht Freda.
„Tja, Geschmäcker sind halt verschieden!“

„Und, weil das so ist, versuchen die Leute auch schon seit ewigen Zeiten, sich Früchte zu erfinden, die perfekt zu ihrem Geschmack passen“, erklärt Mio.
„Früchte erfinden? Super Idee! Lasst uns eine Banapfel erschaffen!“, lacht Freda. „Oder eine Himmelone!“
Tobi stimmt mit ein: „Ich wünsche mir eine Kiwananas!“
„Naja, so ganz frei nach Schnauze klappt das leider wohl nicht. Erinnert ihr euch an die vergeblichen Experimente mit den Erdbeeren? Damit sich zwei Pflanzen kreuzen lassen, brauchen sie genug Ähnlichkeit – so wie Freunde, die dieselbe Sprache sprechen“, gibt Mio zu bedenken. „Beide müssen zur selben Zeit blühen, sonst können sie sich gar nicht treffen. Der Pollen der einen Pflanze muss in die Narben der anderen passen – wie ein Schlüssel ins Schloss“.

„Und wie willst du die Bienen überreden, dass sie den Blütenstaub zu genau der Pflanze bringen, die du für die Kreuzung ausgesucht hast?“, foppt Paul seinen Freund.
„Ach, das kann man auch per Hand machen.“ Beherzt greift Mio in die nächsbeste Blüte. Sie gehört einer roten Ringelblume. Mio streift über den Punkt in ihrer Mitte. Und tatsächlich klebt an Mios Fingern nun ein wenig Blütenstaub. Den verteilt er auf die Narben der gelben Ringelblune daneben. „So, ich wette, aus dem Samen, der da jetzt entsteht, werden später orange Blumen!“

«Ob das Kreuzungsexperiment wohl klappt?
Wenn ja, wie genau?
Und was hat das eigentlich mit Narben zu tun?
Welche Pflanzen würdest du gerne mal kreuzen?»
Teil 6 unserer Geschichten aus dem Bunten Land
Wer läutet uns den Sommer ein? Wer wird im Juni rot und dick? Wer steht nicht nur im Garten rum,
sondern versteckt sich auch gerne am Waldrand?

Erdbeere
Die Kinder liegen im Gras und beobachten die Schäfchenwolken, die am strahlendblauen Himmel über sie hinwegziehen. Das erste Mal dieses Jahr barfuß, der erste Holunderblütenduft, die erste große Bienenparty in der Linde!
„Wisst ihr, was jetzt noch fehlt, damit es sich endgültig anfühlt wie Sommer?“ Tobi leckt sich über die Lippen. „Erdbeeren!“

„Na, was für ein Glück, dass wir letzten Herbst welche gepflanzt haben!“, ruft Mio.
Die Kinder flitzen rüber zum Beet. Doch hier finden sie bloß jede Menge weiße Blüten zwischen den gesägten Löffelblättchen. Noch keine einzige Frucht.
„Wie lange das wohl noch dauert, bis daraus Erdbeeren werden?“ fragt Tobi sehnsüchtig.
Mio meint: „Naja, wenn du ganz genau hinguckst, kannst du erkennen, dass die große Verwandlung bereits begonnen hat. Wenn die Blüten weg sind, dann wachsen die Beeren los.“
Mio befühlt die Pflanzen. „Hier – erkennst du den kleinen gelbgrünen Punkt in der Mitte? Der wird jetzt immer größer … und dann irgendwann rot. Und je röter, desto leckerer! Also: Wir müssen uns noch etwas gedulden“.

„Na toll“, murrt Tobi. „Matteo hatte schon vor Wochen Erdbeeren mit in der Schule“.
„Die waren sicher aus einem beheizten Gewächshaus. Oder von weit weg aus wärmeren Ländern, wo man irre viel Wasser verschwendet hat, um sie zu gießen“, meint Paul.
„Genauso schmeckten sie auch“, erinnert sich Tobi. „Irgendwie wässrig und längst nicht so süß wie die aus dem Garten. Aber wann werden die denn endlich rot?“
„Ich weiß, wo jetzt schon rote Erdbeeren wachsen!“, ruft Freda und flitzt rüber zum wilden Nachbargarten, wo keine Beete sind, sondern sich hohes Gras im Wind wiegt.
„Hallo Ursula!“ begrüßt sie die Gartenbesitzerin: „Darf ich den anderen deine Erdbeeren zeigen?“

Die alte Frau nickt und folgt den aufgeregten Kindern. Dort, wo der Wald beginnt, blitzen ihnen winzige, rote Früchte entgegen. Kaum größer als Murmeln sind sie.
„Das sind doch keine richtigen Erdbeeren“, murrt Tobi.
„Oh doch“, widerspricht Ursula. „Probiert mal!“
Als Tobi das tut, weiten sich seine Augen. „Wow! Die schmecken ja noch viel kräftiger und süßer als die großen!“

„Aber warum sind sie so klein?“, fragt Paul.
„Naheliegender wäre die Frage: Warum sind die Erdbeeren, die du kennst, so groß?“ Ursula lacht. „Denn früher gab es bei uns nur diese kleinen Walderdbeeren. Die Leute haben alles Mögliche versucht, sie größer zu züchten. Aber erfolglos.“
„Und wo kommen dann die Großen her?“ will Tobi wissen.

„Die sind das grandiose Ergebnis einer internationalen Zusammenarbeit von verschiedensten Lebewesen auf verschiedensten Kontinenten“, sagt Tante Ursula geheimnisvoll.
„Häh? Was heißt das?“, bohrt Paul nach.
„Seefahrer haben im 18. Jahrhundert die Scharlacherdbeere aus Nordamerika mitgebracht, ein französischer Gärtner hat sie in seinem Garten neben eine große, aber langweilige Erdbeere namens „Schöne Chilenin“ aus Südamerika gepflanzt und Bienen ohne bekannte Staatzugehörigkeit haben sie dann verkuppelt – also bestäubt - und dafür gesorgt, dass die beiden gemeinsame Nachkommen bekommen. Coolerweise wurden die groß wie die Chilenin und lecker wie die nordamerikanische Waldbeere … und darüber haben sich die europäischen Gärtner so gefreut, dass sie alles dafür taten, dass diese geniale Mischung erhalten bleibt.“
„Zum Glück!“ ruft Mio.
„Und zum Glück blieb unsere Waldbeere bis heute so klein“. Tobi steckt sich genussvoll eine weitere in den Mund. „Klein aber oho!“

»Was bedeutet eigentlich Bestäubung?
Und wie kann dabei eine neue Sorte entstehen?
Wann fängt für dich der Sommer an?«
Teil 5 unserer Geschichten aus dem Bunten Land
Wer lässt (fast) alles mit sich machen ... und strahlt dabei wie eine Sonne? Zumindest so lange es trocken und hell ist. Sonst schließt sie einfach schützend ihre Blüte und wartet geduldig auf eine neuen Tag...

Gänseblümchen
„Menno! Dass die Großen aber auch ständig Rasenmähen müssen!“ Genervt sieht Paul sich um. „Letzte Woche war hier noch alles bunt! Und jetzt?“ Das Gras ist nur noch ein paar Zentimeter hoch, weit und breit blüht kein Löwenzahn, kein Gundermann und kein Wiesenschaumkraut mehr.“
„Wenigstens gibt es noch ein paar Gänseblümchen!“ Freda zeigt auf die kleine Pflanze mit den weißen Blüten und dem gelben Punkt in der Mitte. „Ich habe mal gehört, dass die so heißen, weil selbst Gänse sie nicht fressen. Aber, dass auch der Rasenmäher sie stehen lässt, hätte ich nicht gedacht“.
Tobi zuckt die Achseln. „Vielleicht sind das schon wieder neue? Wie lange wohl so ein Blümchen braucht, um zu wachsen?“

Interessiert betrachten die Kinder die Pflanze. Sie haben sie zwar schon tausendmal gesehen … aber irgendwie noch nie so richtig untersucht.
„Guckt mal, die Blätter sind so nah am Boden, dass ein Rasenmäher sie vermutlich nicht einmal erwischt“, meint Mio.
„Und wenn du genau hinschaust, siehst du, dass der gelbe Punkt in der Mitte aus ganz vielen kleinen Blüten besteht… und jede von denen bildet später einen Samen!“
Ja? Der gelbe Punkt besteht aus lauter Einzelteilen? Schwupps - hat jedes der Kinder ein eigenes Gänseblümchen in den Fingern, um sich das ganz genau anzusehen.

„Meine Oma sagt übrigens nicht Gänseblümchen, sondern Tausendschön dazu,“ erzählt Freda.
„Weil es so viele davon gibt?“, fragt Paul und rupft noch eine paar weitere raus. Er beginnt aus den Blümchen eine Kette zu flechten.
„Meine Oma nennt sie Sonnenblümchen“, wirft Tobi ein. „Weil sie sich wie die großen Sonnenblumen immer der Sonne zudrehen“.
„Und abends machen sie ihre Blüten zu“, weiß Paul. „Deswegen heißen sie auf Englisch auch irgendwas mit „Day“, also Tag.“ Er sucht nach dem ganzen englischen Wort. „Daisy!“
Während die Kinder quatschen, entstehen Kronen, Armbänder, Ketten … eine ganze Gänseblümchen-Galerie.
Bis Mio plötzlich ruft: „Ups! Das war das letzte. Jetzt ist der Rasen nur noch grün.“

Tobi erschrickt. „Ob es ok war, dass wir die Blümchen einfach alle rausgerissen haben? Schließlich können sie jetzt gar nicht mehr weiterwachsen.“
„Und unsere Kunstwerke halten höchstens einen Tag, dann verrotten sie“, gibt Paul zu bedenken.
„Aber, wenn wir sie hier liegen lassen, werden bald tausend neue Tausendschöne daraus!“, meint Freda.
Die anderen schauen sie groß an. Wie jetzt?
„Na, aus den vielen, vielen kleinen Blüten werden doch wieder Samen. Und wenn die nicht mit dem Rasenschnitt zusammen auf dem Kompost landen, sondern hier verrotten, haben wir bald wieder Nachschub, oder?“

» Mhm … was meint ihr?
Werden aus den rausgerupften Blümchen automatisch neue?
Welche Bedingung muss erfüllt sein, damit das klappt? «
Teil 4 unserer Geschichten aus dem Bunten Land
Wer läutet im Wald den Frühling ein? Und lockt mit grünen Wogen zu würzigen Abenteuer?

„Kommt schnell! Das müsst ihr euch ansehen…“
Mios aufgeregte Stimme kommt aus dem Dickicht des Waldes, der kurz hinterm Gartenzaun beginnt. Es ist das erste Mal, dass er sich beim Versteckenspielen so weit raustraut … und er hat etwas Großartiges entdeckt: „Hier ist ein Meer!“

Sofort stürzen Tobi und Freda aus ihren Verstecken. „Ein Meer? Da drüben im Wald?“
Paul schüttelt ungläubig den Kopf. „Ich war da früher oft mit Opa. Da ist kein Meer.“
„Kommt her und seht selbst!“ ruft Mio.
Die anderen Kinder folgen seiner Stimme – und stehen bald darauf staunend auf einer Lichtung voller wilder, grüner Wellen, der im frischen Frühlingswind hin- und her wogen.

„Wow!“, flüstert Paul. „So etwas habe ich noch nie gesehen! Das ist ja echt wie ein Ozean!“
Auch wenn es kein Wasser ist, was da in der Sonne leuchtet, hat man das Gefühl, man könnte hier schwimmen - so dicht und weich ist der grüne Teppich aus Blättern, der sich vor ihnen erstreckt.
Mio winkt ihnen grinsend von einem Baum aus entgegen, den er hochgeklettert ist. „Kommt rauf auf mein Segelschiff!“ Tobi stürmt sofort los.

„Vorsicht!“, raunt Paul. „In diesem Meer wohnen empfindliche Wesen!“ Begeistert zeigt er den anderen einen Marienkäfer, der auf den Blättern unterwegs ist.
Die anderen Kinder beugen sich zu ihm hinunter – und plötzlich steigt ihnen ein Duft in die Nase.
Würzig. Wild. Abenteuerlich!

„Jetzt weiß ich, welche Pflanze das ist“, ruft Freda. „Bärlauch! Den kenne ich von Tante Ursula.“
„BÄR-lauch?“, fragt Tobi. „Gibt es hier Bären?“
„Vielleicht nehmen wir das Meer lieber mit in unseren Garten“. Mio schaut sich besorgt um. „Wir buddeln einfach ein paar Pflanzen aus und setzen sie bei uns wieder ein.“
Schon hat er die Hände im Waldboden, lockert ihn und zieht an den hellen Stielen.

Was dabei herauskommt, lässt seine Augen groß werden: „Da ist ja eine Zwiebel dran!“
"Wie kommt denn das?", wundert sich Paul. Dann geht ihm ein Licht auf: „Jetzt verstehe ich, warum ich dieses Blättermeer noch nie gesehen habe! Das versteckt sich die meiste Zeit des Jahres da unten im Boden. Und zeigt sich nur im Frühjahr.“
Tobi raunt: „Wenn die Bären aus ihrem Winterschlaf erwachen...“

Da ertönt plötzlich ein lautes, wildes Brummen. Ein Stock knackt, ein Busch wackelt … und auf die Lichtung tritt … eine alte Frau. Die Kinder brauchen einen Moment, um den Schock zu verdauen.
„Keine Bange. Ich bin kein Bär“, grinst Tante Ursula. „Ich bin bloß eine Bärlauchfreundin, die euch einen gehörigen Schrecken einjagen wollte, damit ihr niemals vergesst, was ich euch jetzt sage: Man darf Wildpflanzen nicht einfach ausbuddeln und mitnehmen. Könnt ihr euch denken, warum?“
Die Kinder überlegen. „Weil sie dann nächstes Jahr nicht wiederkommen?“
Tante Ursula nickt. „Das stört das natürliche Gleichgewicht.“
Als die alte Frau die traurigen Kindergesichter sieht, fügt sie hinzu: „Aber ich habe auch etwas Bärlauch in meinem Garten und davon gebe ich euch gerne ein paar Zwiebeln ab. Ihr werdet sehen: Die vermehren sich fantastisch. Bald habt ihr sicher auch ein Bärlauch-Meer in eurem Garten!“

Als sie die Pflanzen ein paar Tage später mit ihren Eltern abholen, gibt es obendrein ein kleines Festmahl: Ein leckeres Brot mit frischer selbstgemachter Bärlauchbutter.
Na, habt ihr auch schon mal versucht, Pflanzen an anderer Stelle wieder einzubuddeln? Worauf muss man dabei achten?
Teil 3 unserer Geschichten aus dem Bunten Land...
Welche Pflanze lieben die Piraten?
Nicht nur, weil sie wie ein Seestern leuchtet, sondern ihnen auch oft genug das Leben rettete…

Scharbockskraut
„Ahoi, ihr Landratten! Bereit für die nächste Entdeckungsreise?“
Statt der gewünschten Begeisterungsschreie erntet Tobi bei seiner Piraten-Crew nur ein lahmes Gähnen. Was ist denn los hier?! Allgemeine Frühjahrsmüdigkeit?
„Auf, auf - da draußen warten jede Menge Abenteuer!“ Tobi will über die sieben Weltmeere segeln, den Südwind kapern, längst vergessene Schätze heben!

Doch seine Crew hat keine Lust. Tobi hat eine Idee, woran das liegen könnte: Skorbut!
„Skorbut? Was soll das denn sein?!“, fragt Mio gähnend.
„Eine gefährliche Seefahrer-Krankheit, die schon ganze Besatzungen dahingerafft hat“, erklärt Tobi aufgeregt: Vitamin-C-Mangel!“

Oha! Mio sieht beeindruckt aus, Freda hebt skeptisch eine Augenbraue. „Das hat dir doch bloß deine Mama erzählt, damit du mehr Obst ist.“
Entrüstet entgegnet Tobi: „Von wegen! Das steht in meinem Piratenhandbuch: Früher sind sie auf den Segelschiffen reihenweise umgekippt, weil sie nicht genug Obst und Gemüse hatten. Zum Glück gibt es aber ein Gegenmittel!“

Aufgeregt sieht Tobi sich um, juchzt dann plötzlich auf und rupft eine der vielen gelben, kleinen Blüten raus, die am Bachufer wachsen.
„Ein paar kluge Matrosen haben entdeckt, dass es Ihnen besser geht, wenn sie diese Pflanze hier essen“. Feierlich hält Tobi das Blümchen hoch. Es leuchtet wie ein Stern. „Das ist Scharbockskraut. Echte Piraten futtern die eimerweise, um ihren Skorbut zu besiegen!“
„Von wegen“, meldet sich sein großer Bruder zu Wort. „Wenn man dein Blümchen da eimerweise futtert, beißt man ins Gras.“ Paul erklärt weiter: „Sobald Scharbockskraut blüht, ist es giftig. Man darf die Blätter nur essen, bevor sich der Stern zeigt. Im Übrigen nennt man die Pflanze auch Feigwurz.“
„Na, dann auf, ihr Feigwurze!“, ruft Freda. „In alle Richtungen ausschwärmen und unverblümtes
Scharbockskraut suchen! Sonst schlafen wir hier bald für immer ein…“

Das Piratenteam macht sich auf die Socken. Naja, genau genommen zieht einer von ihnen die Socken aus. Paul ist plötzlich überzeugt, dass echte Piraten nur barfuß auf Expedition gehen. In Wirklichkeit hat er einfach festgestellt, dass seine Stiefel nicht mehr dicht sind, als er übermütig in den Bach gesprungen ist. Jetzt ist er jedenfalls wach. Endlich voll im Frühling angekommen.

Es ist gar nicht so leicht, die richtigen grünen Blätter zu finden. Es gibt so viele davon! Und auch gelbe Blümchen sind um diese Jahreszeit alles andere als selten. Wo genau liegen denn die Unterschiede?
„Auf jeden Fall darf man nix essen, dass man nicht ganz genau erkennt“, sagt Paul. „Viele dieser gelben Blumen sind Hahnenfußgewächse ... und die sind alle giftig. Auch das Scharbockskraut, aber im Gegensatz zu seinen Verwandten sind die Blätter da OK, bevor sich die ersten Blüten zeigen.“

Interessiert studiert Tobi die Pflanze genauer: „Die Blätter sehen ein bisschen aus wie kleine Herzen. Und sie glänzen irgendwie. Ich versuche mir das fürs nächste Jahr mal zu merken. Aber essen werde ich sie vorsichtshalber erst, wenn Mama das absegnet.“
„Also, ich bin kein Hasenfuß“, blödelt Mio. Und stopft sich eine große gelbe Blüte in den Mund.
„Hey – spinnst du?!“ ruft Freda und sieht ehrlich besorgt aus.
Da lenkt Mio schnell ein: „Keine Bange! Wenn ich eine gelbe Blume hundertprozentig erkennen kann, dann diese hier…“

Na, was sagt ihr: Welche ist das?
Fallen euch noch andere essbare Wildpflanzen ein?
Und welche sollte man auf keinen Fall essen?
Einen tollen Überblick zu essbaren Wildpflanzen findest du hier
Teil 2 unserer Geschichten aus dem Bunten Land...
Welchen Strauch lieben Mäuse? Weil er leckere Nüsse liefert und man sich darin prima verstecken kann!

Die Hasel
Freda entdeckt hinten im Garten die ersten Haselblüten. Wie flauschig die sich anfühlen! Freda reibt
sie zwischen ihren Fingern, bis sich der gelbe Samen löst. Dann wedelt sie einige der Kätzchen durch die Luft, lässt sie über das Gesicht tanzen. Ihre Hände gleiten über die glatten Äste und das gemütliche Nest, das sie formen. Ach, hier kann man fantastisch rumhängen!

Ab jetzt verschwindet Freda so oft wie möglich in den Haselnusssträuchern, die den Garten von den Feldern dahinter abgrenzen.
Doch eines diesigen Tages im Februar verkündet Papa: „Die Sträucher hier müssen wir fällen. Wir brauchen endlich einen vernünftigen Zaun, damit die Rehe nicht mehr ständig in unserem Gemüsebeet herumtrampeln!“
Freda ist entsetzt: Sie will, dass ihr Unterschlupf bleibt! Und sie freut sich auch über jedes Tier im Garten.

Traurig erzählt Freda ihren Freunden von der Sache. Mio seufzt, Paul gräbt die Hände in die Hosentasche. Was sollen sie nur tun?!
Tobi hat einen Gedankenblitz: „Wir holen unseren Opa, der hat die Lösung!“

Der alte Mann lacht sich kaputt, als er hört, dass die Haselnusssträucher verschwinden sollen, damit an ihre Stelle ein Zaun gebaut werden kann. „Haselnusssträucher sind doch selbst die besten Zäune der Welt! Zumindest, wenn man sie flechtet!“
Freda staunt. Bisher dachte sie, man könnte nur Haare flechten. Opa lacht über die verwirrten Gesichter. „Na, dann will ich euch mal in eine alte Handwerkskunst einweihen, die lebende Zäune entstehen lässt: Die sogenannten Flechthecken.“

Dann erzählt er, dass sie früher mit der Hasel Viehweiden umschlossen haben. „Das war nicht nur günstig und hübsch, sondern auch super für die Tiere. Und zwar nicht nur für die Weidetiere, sondern auch für Vögel, Insekten und kleine Säuger“.
Flechthecken bieten nämlich beste Futter- und auch Nistmöglichkeiten - zum Beispiel für den Wiesenpieper, einen schlaksigen Vogel mit langen Beinen und herrlichem Gesang.
„Leider ist er vom Aussterben bedroht, weil es heute nicht mehr so viel dichtes Gebüsch und wilde Ecken gibt wie früher“, erklärt der Opa. „Genau wie das Haselhuhn oder die Haselmaus, ein knuffiger Gesell, der den Großteil des Jahres nichts als in Ruhe schlafen will“.
„Das kann ich verstehen!“ sagt Fredas Papa. Die Kinder grinsen: „Na, klingt doch, als wäre allen geholfen, wenn wir aus den Haselsträuchern hier eine Flechthecke machen!“

Schon am nächsten Wochenende werkeln sie unter der Anleitung von Tobis Opa gemeinsam los. Erst erschrickt sich Freda darüber, dass als erstes einige ihrer Lieblingsäste abgeschnitten werden.
„Aber die wachsen wunderbar nach,“ erklärt der Opa.

„Und man kann tolle Sachen damit machen“, ruft Paul und formt aus den Zweigen einen Flitzebogen. Dann zeigt der Opa, wie man den magischen Weidenknoten macht, der die Haselruten an die richtige Stelle drückt – ganz ohne Metall oder Plastik. So entstehen drei Etagen … auf denen man auch super herumklettern kann!

Nicht nur Freda ist begeistert. Auch der Rest der Bande findet die Flechthecke wunderbar: Sowohl zum Spielen als auch um Tiere zu beobachten!
Was meint ihr, wer sich hier alles versteckt?
Welche Tiere nisten in Hecken und finden hier Unterschlupf?
Welche Pflanzen schützen sie vorm Aussterben?

Weiterführende Informationen zu den Flechthecken unter:
Nieheimer Flechthecke - Immaterielles Kulturerbe formt Kulturlandschaft
Teil 1 unserer Geschichten aus dem Bunten Land...
Wir beginnen natürlich mit einer Pionierpflanze ... na, welcher Baum hat eine solche weiße Rinde?

Die Birke
Hurra, ein neues Jahr!
Begeistert stapfen die Kinder durch den Schnee und freuen sich über die tiefen Spuren, die sie im „Bunten Land“ hinterlassen. Heute steht hier eine besondere Aktion an: Das neue Jahr soll mit einem Feuer begrüßt werden!
„Was brauchen wir dafür?“, Tobi guckt gespannt in die Runde.
Freda weiß es: „Holz natürlich!“
„Und zwar sowohl große Äste als auch ganz kleine Zweige,“ sagt Paul.
„Ganz genau,“ lächelt seine Mama, „denn mit dem Holz ist es wie mit einem guten Team. Es braucht die Kleinen, die sofort Feuer fangen genauso wie die großen Brocken, die nicht sofort anfangen zu brennen, aber später dann stundenlang verlässlich Wärme liefern“.

Die Kinder stromern los. Tobi sammelt unter der alten Tanne kleine Zweige, Freda stapelt Paul einige mittelgroße auf die ausgestreckten Arme, Mio findet einen riesigen Kiefernast. Den tragen sie alle zusammen zur Feuerstelle … und haben viel Spaß dabei, das alles zu zerkleinern, bis sie eine Art Miniatur-Tipi daraus bauen können. Die großen Äste bilden das Grundgerüst, die kleinen schieben sie dazwischen. Dann stopfen sie das Ganze noch mit dem Stroh aus, das im alten Schoppen um die Ecke liegt und pflücken die wunderbaren weißen Puschel der Pflanze, die neben der Feuerstelle wächst. Was könnte das wohl sein? Na klar: Goldrute ... was sonst sollte so golden leuchten!
„Ob die wohl auch brennen?“, fragt Freda.
„Wenn du ein paar trockene erwischst!“

„So! Jetzt her mit den Streichhölzern“, fordert Paul. Lachend dückt sein Vater sie nicht seinem quengeldem Sohn, sondern Mio in die Hand. Tatsächlich kriegt der schon mit dem ersten Ratsch eine kleine Flamme hin. Doch als er diese an das Heu hält, fängt es nur an zu qualmen … und ist gleich wieder aus! Mio versucht es an einer anderen Stelle. Doch weder das Stroh noch die Puschel noch das Holz fangen Feuer.
„Es ist wohl alles zu feucht heute,“ meinen die Erwachsenen und wollen die Aktion schon abbrechen.
Da ruft Paul: „Stopp! Ich weiß, was wir brauchen: Birkenrinde! Die brennt sogar, wenn sie klatschnass ist!“ Mio flitzt sofort los und knibbelt etwas Rinde von dem weißen Baum ab, der neben dem alten Schoppen steht. Er entzündet sie … und tatsächlich! Die Birkenrinde brennt sofort lichterloh!

„Aber hey, wenn man einem lebenden Baum seine Rinde nimmt, wird er krank!“ beschwert sich Tobi. „Lasst uns einen toten Stamm suchen!“
Die Kinder stromern los. Schon bald hat Paul in dem kleinen Wäldchen eine umgefallene Birke entdeckt. Zusammen lösen sie so viel Rinde von ihr ab, wie sie nur können. Die platzieren sie im Stroh zwischen dem Holz am Feuer, in schmalen, hauchdünnen Streifen. Ob es jetzt wohl brennen wird?
Diesmal darf Paul das Streichholz entzünden und hält es an die Rinde.
Gespannt schauen alle, was passiert…

Tatsächlich: Die Birkenrinde brennt so hell und warm, dass sie schließlich auch das feuchte Heu ansteckt, dann die Goldrute, die kleinen Zweige und am Ende sogar die dicken Brocken!
„Hurra! Das wird ein tolles, neues Jahr!“, ruft Tobi. „Jetzt können wir uns was wünschen!“
Paul sagt: „Ich wünsche mir, dass wir noch ganz viele Feuer machen!“

Und was wünschst du dir?